Mit den Gedanken in Winnenden und Wendlingen

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tl_files/img/netzwerk/LenaK.jpgEin KOMMENTAR von Lena Kroenlein über den 11. März 2018

Lena Kroenlein ist Mitglied im Förderverein der Stiftung gegen Gewalt an Schulen e.V.
Sie hat Germanistik und Philosophie studiert, ist geprüfte PR-Referentin und lebt in der Nähe von Tübingen. Dort arbeitet Lena als freie Journalistin und neuerdings auch als Autorin. Vor kurzem erschien ihr erstes Buch "Die Marienkäferin".

 

 

Ammerbuch.

Es ist nur ein einziger Satz, trotzdem fällt es mir schwer, die Worte in mein Smartphone zu tippen. Ich brauche mehrere Anläufe, bis die Nachricht versendet ist: Dieses Jahr schaffe ich es leider nicht.  Sofort macht sich ein mulmiges Gefühl in mir breit, das ich schwer deuten kann: Schuldgefühle? Scham? Tatsächlich fühle ich mich ein bisschen schuldig. Meine Absage bezieht sich auf den neunten Jahrestag des Amoklaufs, als ein Jugendlicher in Winnenden und Wendlingen 15 Menschen wahllos ermordete und das Feuer in der Albertville-Realschule eröffnete. Es ist das erste Mal seit einiger Zeit, dass ich nicht beim öffentlichen Gedenken vor Ort teilnehme. Und irgendwie tut mir das unendlich leid.


Dabei hat meine Absage rein pragmatische Gründe: Der neunte Jahrestag fällt auf einen Sonntag, was bei mir auf dem Dorf heißt: Der erste Zug fährt erst morgens um neun Uhr und ohne Auto habe ich schlechte Karten, auf die schnelle eine andere Fahrtmöglichkeit nach Winnenden zu organisieren. Für die Gedenkfeier hieße das, ich käme in jedem Fall zu spät und an der Lichterkette am Abend teilzunehmen ist, so schön die Geste ist, mit körperlicher Behinderung nicht so einfach für mich zu bewältigen.


Also sage ich für dieses Jahr ab. Und bin am Sonntag in doppelter Hinsicht irgendwie betroffen. Zum Einen darüber, dass an diesem Tag vor neun Jahren fünfzehn Familien, Angehörige und Freunde der vielen  Opfer aus dem Nichts mit unendlichem Leid und einer Situation konfrontiert worden sind, die ihr Leben für immer verändern sollte. Die Sinnlosigkeit dieser Tat macht mich auch heute noch sprachlos.


Und zum anderen bin ich tatsächlich traurig darüber, an diesem Jahrestag nicht vor Ort beim Gedenken teilnehmen zu können – und weiß gleichzeitig nicht, weshalb mich das so beschäftigt. Zumal ich gedanklich auch aus der Ferne bei den Opfern, den betroffenen Familien und Freunden war. Niemals könnte ich vergessen, daran zu denken. Zu schrecklich war das Ereignis, das die Idylle dieser schwäbischen Kleinstadt brutal zerstörte. Ich weiß noch, dass ich vor dem 11. März 2009 die Stadt Winnenden tatsächlich noch nie gehört, oder zumindest nicht wahrgenommen habe. Und ich weiß noch, wie ich beim Anblick der Bilder manchmal, fast erschrocken, dachte: Das hätte auch in Tübingen, meiner schwäbischen Heimatstadt, nicht allzu weit von Winnenden weg, passieren können.


Und auch neun Jahre nach der Tat kann ich den Schock, der mich damals überkam, fast noch körperlich spüren.


Und auch in diesem Jahr wiederholt sich wenige Tage vor der Tat das Kopfkino, dass sich regelmäßig, kurz vor der Tat, in meinem Kopf abspielt – ohne, dass ich groß etwas dagegen tun kann: ich stelle mir das Leben all dieser Menschen vor, wie es war, bevor die Katastrophe über sie hereinbrach und bin erschrocken darüber, wie wenige Tage, Stunden und Minuten sie rückblickend von dem unermesslichen Leid, der Trauer und dem Schmerz, trennten. In die Dankbarkeit, nicht selbst betroffen zu sein, hat sich bei mir gleichzeitig vom ersten Moment an der Gedanke gemischt, zu helfen, alles in meiner Macht stehende zu tun, damit sich das Schreckliche nicht wiederholt. Dieser Wille ist auch neun Jahre danach ungebrochen in mir verankert.

 

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Und dann lese ich zeitgleich, während diese Gedanken in meinem Kopf kreisen, auf der Facebook-Seite  des Fördervereins diesen Satz: So langsam sollte es mal gut sein! Der Kommentar bezieht sich auf ein Plakat zur   Lichterkette, die vom Marktplatz  aus zur Albertville-Schule, seit neun Jahren vom Jugendgemeinderat Winnenden organisiert wird. In diesem Jahr sollte sie auch Solidarität mit den Opfern des Amoklaufs in Florida vom Februar demonstrieren, deshalb wurde das Motto „die Liebe bleibt“ diesmal in Anlehnung an  die von den Schülern in Parkland geäußerte Forderung „Never again!“ umgewandelt in „Never again- our lights of life“.


Und nun dieser Kommentar der Userin, die beteuert, dass es zweifellos schlimm sei, was passiert wäre, aber dass man auch mal an die Menschen denken solle, deren Kinder an dem Tag Geburtstag hätten und dass diese nicht feiern könnten, weil der Tag immer so traurig gestaltet würde.


Ich bin erschüttert und denke sofort, dass das Gedenken doch nicht traurig gestaltet wird. Ich persönlich finde die Lichterkette ein wunderschönes Symbol, das das Andenken an die Opfer wahrt und gleichzeitig Hoffnung auf ein friedvolles Miteinander und eine Zukunft ohne Gewalt macht.


Natürlich ist niemand verpflichtet, an diesem Gedenken teilzunehmen, genauso wenig, wie die Gedenkfeier es Geburtstagskindern verbietet, zu feiern. Vielleicht feiern Angehörige der Opfer, die kurz vorher, hinterer, oder vielleicht sogar am 11. März selbst  Geburtstag haben sollten, auch jedes Jahr aufs Neue ihren Ehrentag –  immer in dem Wissen, diesen künftig mit einer großen Lücke in ihrer Mitte begehen zu müssen. Ich habe höchsten Respekt vor diesen Menschen, die sich langsam ihren Weg zurück in eine – wenn auch andere – Normalität erkämpft haben und vielleicht immer noch erkämpfen, die auch versuchen, trotz des Verlustes wieder Glück zu empfinden und Geburtstage zu feiern. Wie kann es da jemals „so langsam gut“ sein? Das begreife ich nicht.


Und plötzlich ist mein schlechtes Gewissen darüber, an diesem Jahrestag nicht vor Ort sein können, ein wenig geschmälert. Kommentare wie dieser verdeutlichen mir, dass es nicht unbedingt darauf ankommt, beim Gedenken vor Ort zu sein. Es geht in erster Linie darum, an die Opfer, ihre Familien und Freunde zu denken – und das kann man auch aus der Ferne. Sofort schicke ich eine Nachricht an meinen Freund aus Winnenden und zeige ihm so, dass ich die Opfer nicht vergessen habe. Ich hoffe, dass die Userin das irgendwann vielleicht auch so sehen kann.


Bis dahin werde ich weiterhin den Opfern dieses Verbrechens ein würdevolles Gedenken bewahren und alles in meiner Macht stehende tun, dass sich das Geschehen nicht wiederholt.

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